Vortrag: „In Leibeskrankheiten behülflich“ zu sein

Axel Wellner. Foto: Ehrenheim-Schmidt

Mit Medizingeschichte befasst sich seit 40 Jahren Axel Wellner aus Ebergötzen.  Da er aus dem Harz stammt, forschte er zunächst zu den Bergmedici, dann zu Stadtärzten aus niedersächsischen, thüringischen und sächsischen Städten. Zahlreiche Artikel hierzu veröffentlichte Wellner. Inzwischen hat er Material zu 10.000 bis 15.000 Namen. Auch beruflich ging sein Weg in diese Richtung: Seinem Medizinstudium folgte Jahrzehnte hindurch Arbeit als Leitender Krankenpfleger in Herzberg.

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Fahrt nach Fallersleben und Königslutter am 24. Oktober

Der Einbecker Geschichtsverein bietet seine vorletzte Tagesfahrt für das Jahr 2019 an. Am Donnerstag, 24. Oktober, werden die Orte Fallersleben und Königslutter besucht. Beide Orte haben mittelalterliche Geschichte, die aber nicht im Vordergrund stehen wird, sie ist sozusagen Kulisse. Die Zeit des 19. Jahrhunderts steht im Vordergrund.

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Jubiläum: Geschichtsverein sucht Fotos, Bilder, Erinnerungen

Eine Aufnahme aus den 1960-er Jahren vom beliebten Fassrollen in Einbeck. Foto: privat

Ach ja, das große Reitturnier auf dem 05er-Platz mit Hans-Günter Winkler auf Meteor – im Gedächtnis ist es noch bei vielen Einbeckern, ebenso der große Brand bei Spellauge 1954 oder die Theatervorstellungen mit Promis im Welt-Theater in den 1950/60er-Jahren. Der Einbecker Geschichtsverein will zum 125-jährigen Jubiläum im kommenden Jahr ein Buch mit vielen Fotos und kurzen Texten  aus jedem Jahr des Bestehens herausgeben. Die Vorstandsmitglieder Willi Hoppe und Susanne Gerdes sammeln dazu Material und suchen noch Fotos, Bilder und besondere Begebenheiten von 1900 bis 1970.

Das reicht von Filmaufnahmen auf dem Marktplatz, alten Wochenmarktbildern bis hin zu alten Aufnahmen, zum Beispiel von Ravens Garten oder vom Kommandantengarten. Aber auch Abriss-Fotos von Häusern oder Firmen, die nun nicht mehr im Stadtbild existieren, werden gewünscht. Nicht nur Einbecker Motive, sondern auch Besonderes aus den Dörfern wird gesucht. Wer könnte zum Beispiel noch alte Bilder des Geländes der Juliusmühle haben und der Villa Düsenberg? Selbstverständlich werden die Fotos nach dem Einscannen und der Klärung der Bildrechte sofort zurückgegeben.

Als Dr. Elke Heege, Vorsitzende des Geschichtsvereins, jetzt beim jüngsten Vortrag, nach Erinnerungsvorschlägen fragte, wurde bereits eine Menge genannt, vom Nachkriegs-Nachbarschaftsfest in der Maschenstraße über Hellas-Meisterschaften in den 1950er-Jahren bis zum Hochwasser 1998 und dem Stadtjubiläums-Umzug 2002. Die Einbecker sind also nun aufgerufen, in Fotokisten, zwischen alten Veranstaltungsprogrammen – und in der Erinnerung zu kramen. Gerade bisher Unveröffentlichtes, aber dennoch Besonderes soll im Buch nachzulesen sein. Fotos, Dokumente und Texte können im Museum, Auf dem Steinwege, zu Händen von Susanne Gerdes und Willi Hoppe abgegeben werden.

Delia Ehrenheim-Schmidt

Vortrag: „Geschichtet wie Schwarzwälder Kirsch“

Stadtarchäologe Markus Wehmer. Foto: Ehrenheim-Schmidt

Skelette, Münzen, Keramik, Feuersteine, Hausgrundrisse verschiedener Epochen – Stadtarchäologe Markus Wehmer hatte auch bei seinem zweiten Vortrag im Einbecker Geschichtsverein viel zu berichten. Zurzeit werde überall gebaut, stellte er fest.

Die Chronische Nasenhöhlenentzündung kannte man bereits um 1770: Der Sturm »Friederike« hatte auch auf dem Neustädter Friedhof zu herausgerissenen Baumwurzeln samt zweier Gräber geführt. Eine Untersuchung ergab: Im ersten Grab lag eine Frau, 30 bis 40 Jahre alt mit diesen Nasenproblemen, mit einem auffallend flachen und hohen Hirnschädel. Die genaue Datierung war auch möglich, weil im Grab eine Münze von 1769 aus Hessen-Kassel dabei war. Im zweiten Grab lag das Skelett eines Mannes, klein, robust, etwa 50 bis 60 Jahre alt, mit einer Rippenfraktur sowie Tumor und Abszess im Kiefer – das Publikum in der Teichenwegschule litt hörbar mit. Bei ihm fand sich eine Kupfermünze aus dem Jahr 1772 aus Sachsen-Coburg-Gotha. Durch Kirchenbücher will Wehmer versuchen, die Identität der Zwei, die verwandt sein könnten, zu ermitteln. Beide lagen in der ersten Belegungsreihe des Kirchhofs.

Totenkrone an Marktkirche

Weiter ging die archäologische Reise zur Marktkirche. Direkt an der Außenwand, bei den Fundamenten, fanden sich gleich fünf Bestattungen, davon drei Kinder – ungetauft gestorbene »Traufkinder«: Von dem Trauf-Regenwasser, das hier herunterkam, erhofften sich die Eltern noch ein wenig geweihtes Wasser für die Kinder, damit diese doch in den Himmel kamen – im 14./15. Jahrhundert europaweit üblich. In der Baugrube für das Kunstwerk »Von Null bis unendlich« entdeckte Wehmer Marktplatz-Pflasterschichten, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen – und erneut ein Kindergrab unmittelbar an der ehemaligen Friedhofsmauer der Marktkirche, das einen grün verfärbten Schädel aufwies. Des Rätsels Lösung: Das sechs- bis achtjährige Mädchen wurde mit einer Totenkrone begraben, aus Drahtgeflecht mit sehr dünnen Perlen kunstvoll zu Blüten und umwickelten Stängeln gebunden, aufgenäht auf eine Haube – ein Brauch der Barockzeit. Die Grünfärbung stammt von den Kupfersalzen des korrodierenden Kopfschmucks.

Küchlers Feuersteine aus 19 Jahren

In Einbecker Dörfern, so berichtete Wehmer weiter, habe Hans-Jürgen Küchler zwischen 1999 und 2018 Feldbegehungen gemacht, über die bereits Ursula Werben berichtete. Diese Funde sollen nun wissenschaftlich untersucht werden, und dann wolle Küchler sie der Stadt schenken. Sehr viele Feuersteine entdeckte dieser aus dem Zeitraum zwischen 5.300 bis 5.000 v. Chr., die Zeit der ersten sesshaften Ackerbauern, erklärte Wehmer, so zum Beispiel in Buensen. Die Steine dienten zumeist als Schneideinsätze von Sicheln, befestigt mit Birkenrindenpech. Ganz begeistert zeigte Wehmer sich auch von einer »unheimlich präzise gearbeiteten« vier Zentimeter langen Pfeilspitze aus Edemissen und jener aus der frühen Bronzezeit, ca. 2100 bis 1800 v. Chr., in Drüber sowie einer dreieckigen aus der noch älteren Epoche der Rössener-Kultur, etwa 4650 bis 4450 v. Chr..

Weinberg II: »Teileingetiefte« Grubenhäuser

Auch von der Arbeit auf einem 1,2 Hektar umfassenden Areal im Bereich des künftigen Wohngebiets Weinberg II erzählte der Archäologe (die Einbecker Morgenpost berichtete bereits teilweise). Ein gutes Drittel der zwei Kubikmeter Scherben aus einer Töpfereiabfallgrube habe man schon untersucht. Es handelt sich um die Überreste von mindestens 200 typischen Kugelbodentöpfen, welche man in der Wüstung Kugenhusen getöpfert hatte. Um Getreidevorrat als Saatgut und Lebensmittel zu lagern, legte man in der Eisenzeit (etwa 600 bis 400 v. Chr.) Vorratsgruben im Boden an, etwa zwischen zwei und drei Kubikmeter groß – Wehmer erklärte gut und ließ die Begeisterung für seine Arbeit spüren. Sein geschultes Auge erklärte auch die Keramik auf Senkrechtaufnahmen: Vorratstopf als Kochtopf, Schüsseln, Reibsteine und gebrannter Lehm von Brotbacköfen. Alles sei nun bei der Restauratorin. Sehr beeindruckte auch die Rekonstruktionszeichnung eines Grubenhauses – eine Bauweise, die zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert üblich war. Zwei mal drei Meter oder maximal vier mal fünf Meter groß waren sie »teileingetieft« in den Boden und erleichterten durch die Raumfeuchtigkeit die Webarbeit, dienten aber auch als Arbeitshäuser der Töpfer.

Kolberger Straße: Steinzeit-Hausgrundriss

Pfosten von Häusern, eines nachweislich aus der Steinzeit, die anderen aus der Zeit um 480 v. Chr. (plus/minus 50 Jahre) fanden sich in der Kolberger Straße. Mit regelmäßigen Pfostenspuren, die sich auf einer Grundfläche von 5 mal 12 Metern zeigten, konnte hier ein Grundriss eines der größten eisenzeitlichen Häuser in Südniedersachsen nachgewiesen werden. Hier wies man  Strukturen von verstreut liegenden Einzelgehöften nach, zwischen denen sich wenige Vorrats- und Abfallgruben befanden – keine Dörfer.

Jagdfallen an der Schwammelwitzer Straße:

Ausführlich erläuterte Wehmer auch die Grundrisse, Häuserpfosten und Fallgruben für Wild, sogenannte »Schlitzgruben« in der Schwammelwitzer Straße (die »EM« berichtete): 15 Häuser aus der Zeit um 500 bis 400 v. Chr. sowie drei aus der Rössener-Kultur, d. h. aus der Zeit um 4650 bis 4450 v. Chr. wurden nachgewiesen.

Epochenschichten am Stiftplatz 9

Spannendes auch am Stiftplatz 9, wo das neue Gemeindehaus entstehen soll: Suchschnitte zeigten hier »wirklich wie bei einer Schwarzwälder Kirschtorte« Schicht um Schicht vorangegangene Zeiten: Mutterboden, Lößschicht, Müll des 18. Jahrhunderts, Keramik aus dem 15., Schicht des 14. Jahrhunderts bis zur Sohle, der Eisenzeit. Eine Grube aus dem 17. Jahrhundert förderte bemalte Keramik, Duinger Steinzeug, Tabakpfeifen, den Stiel eines Portweinglases und Reste von Pyrmonter Mineralwasserflaschen – damals in der Apotheke zu kaufen – zutage, außerdem noch einen Goslarer Mariengroschen von 1752.

Von der jüngsten Grabung in der Knochenhauerstraße werde er das nächste Mal berichten, schloss der Archäologe unter viel Beifall seinen anschaulichen Vortrag mit fast 90 Abbildungen. Dr. Elke Heege, Vorsitzende des Geschichtsvereins, dankte ihm, mit den zahlreichen Zuhörern in der Teichenwegschule für den spannenden Vortrag.

Am Dienstag, 18. Juni 2019, wird im Alten Rathaus ab 17 Uhr in einer öffentlichen Veranstaltung Dr. Thomas Kellmann den dritten Band seiner Denkmaltopographie vorstellen. Darauf wiesen Dr. Heege und Dr. Kellmann hin.

Delia Ehrenheim-Schmidt

In einer Abfallgrube des 18. Jahrhunderts im Garten des Gemeindehauseses, Stiftplatz 9, entdeckte Wehmer Reste von Pyrmonter Wasserflaschen (rechts), den Stiel eines Portweinglases (oben) und Keramik. Foto: Stadtarchäologie Einbeck