Vortrag: Feuersteinbergbau in Artern und Römerlager in Hachelbich

Willi Hoppe, zweiter Vorsitzender des Geschichtsvereins (links) und Stadtarchäologe Markus Wehmer begrüßten Dr. Mario Küßner zum vorletzten Saison-Vortrag. Foto: Ehrenheim-Schmidt

Dr. Mario Küßner, den »Freund und lieben Kollegen«, hatte Stadtarchäologe Markus Wehmer zum Vortrag in den Einbecker Geschichtsverein eingeladen. Der Weimarer Archäologe ist Gebietsreferent für Nord-Thüringen – »ein großes Gebiet« beim Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Eine rasante archäologische Reise in und rund 20 Kilometer um Einbecks Partnerstadt Artern bot der Referent den Zuhörern in der Aula der Teichenwegschule.

Dass es »der Geschichte egal ist, ob wir sie mögen oder nicht«, dass man aber »mit Geschichte pfleglich« umzugehen habe, machte er zunächst an einem Foto eines Hindenburg-Denkmals deutlich, das in einem Wald liegt. Einst stand es sieben Jahre am Kyffhäuser-Eingang. Die Rote Armee legte es mit einem Panzer um und schaufelte es zu. Beim Bau eines Stasi-Erholungsheims gerieten die Denkmalfüße in ein Haus-Fundament – Kichern im Publikum. Ein Hin und Her nach der Wende mit einem neuen Eigentümer: Nun soll eine Schutzhütte drumherum gebaut werden mit einer erläuternden Hinweistafel.

Mönchsskelett-Funde aus Gräbern des einstigen Klosters und späteren Konservenfabrik St. Wigbert in Göllingen, eine Landwehr-Zollstelle nahe Artern mit einem Geldbörsen-Fund, die Untersuchung der Ichstedter Kirche auf Wallfahrtshistorie und Grenzziehungen bei Schönfeld-Ringleben – die Begeisterung des Referenten für seine umfangreiche Arbeit des »Sicherns, Rettens und Erhaltens« war spürbar – auch wenn das oft schwierig ist, gerade bei Bauarbeiten wie zur Umgehungsstraße bei Schönfeld. Hier fanden sich Strukturen der späten Bronze- und frühen Eisenzeit, die auf Grenzmarkierungen verweisen. »Pit alignment« nennt man dies, »eine perlschnurartig aufgereihte Grubenreihe«.

Hachelbich: Römisches Marschlager

Östlich von Hachelbich im Kyffhäuserkreis, wo sich einst Ost-West-Wege kreuzten, konnte durch unterschiedlichste Archäologieuntersuchungen, von Luftbild bis Ausgrabung, ein römisches Marschlager mutmaßlich aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. lokalisiert werden, fast 700 Meter in der Nord-Süd-Länge und vermutlich 650 Meter in der Breite. Die Lagerfläche hatte cirka 46/47 Hektar – Platz für zwei Legionen. Mit einem Rekonstruktionsfoto aus dem österreichischen Carnuntum veranschaulichte Dr. Küßner die Anordnung der Zelte: Denn unmittelbar vor den Römern kamen die Vermesser, die abmaßen, wo das Zelt des Legaten zu stehen hatte, wo die Kohorten-Zelte und wo die Außengrenze verlaufen sollte, das Ganze mit farbigen Fähnchen markiert. Auch Schuhnägel und zwei dreiflügelige Pfeilspitze aus Eisen wurden entdeckt. Die Verbindung zu Maximinus Thrax und dem Harzhorn sei eine »begründete Hypothese«, erklärte er auf Nachfrage – vielleicht als Reserve-Nachschub für Soldaten, Nachrichten und Proviant. Das römische Militär hatte zwei Nutzungen für die Marschlager: eines für sehr kurze Zeit ohne Ofen und den zweiten Typ mit Ofen. Hier fanden sich acht »Zwiebacköfen« in Gruben, in denen Notrationen für drei Tage gebacken wurde.

Artern: Gräber und Feuersteinabbau

Auch im Arterner Gewerbegebiet »Kyffhäuserhütte« sollte gebaut werden. Zuvor entdeckte die Archäologie Befunde aus der Zeit 2600 bis 2350 v. Chr.: Gräberfelder, teils in Reihen, teils verteilt. Frauen wurden auf die linke Körperseite gelegt, erklärte Dr. Küßner, Männer auf die andere, dazu kamen Beigaben wie Keramik-Amphoren und Kupferspiralschmuck. Auch ein Mann mit einer Streitaxt wurde entdeckt und ein anderer mit einem Axt-Loch im Kopf.

Im Zeitraum 3800 bis 3100 v. Chr. baute man hier Feuerstein ab –  Dr. Küßners Fotos zeigten eine umfangreiche Menge. Er erläuterte detailliert die Entstehung solcher Vorkommen und die Gewinnung. Zunächst wurde Feuerstein an der Oberfläche genutzt, dann erst in Gruben nach weiterem gegraben – mehr als 500 Gruben wurden entdeckt, ebenso Klingenfragmente und Schaufeln aus Rinds-Schulterblättern: Bergbauwerkzeug.

Sömmerda-Leubingen: Fürstengrabhügel

In Leubingen bei Sömmerda gibt es einen Großgrabhügel aus der Frühbronzezeit, 1877 erstmals ausgegraben. Der Hügel, so Dr. Küßner, hatte früher einen Durchmesser von 50 Metern und eine ursprüngliche Höhe von vermutlich 10 Metern, »einer der größten im mitteleuropäischen Raum«. Jetzt sei er noch 6,50 Meter hoch. Ausgrabungen belegen eine Besiedlung der Region, besonders während der Frühbronzezeit. »Da ist Musik drin, da kommt noch mehr«, freut sich der Experte, der von den Bestattungen, den Gold-Grabbeigaben und künftigen Arbeiten berichtete.

Dermsdorf: Großer Bronzezeit-Hausgrundriss

Ein Autobahnzubringer-Bau gab Gelegenheit, einen der größten Gebäudegrundrisse der frühen Bronzezeit zu entdecken: 44 Meter lang, 11 Meter breit zwischen den dachtragenden Pfosten, »ein riesiger Bau mit 400 Quadratmetern Nutzfläche und einer Höhe von 8 bis 8,50 Metern« – ein Versammlungshaus oder ein Platz für rituelle Handlungen, überlegte Dr. Küßner. Auch 98 Beilklingen und zwei Stabdolch-Rohlinge wurden entdeckt. Informationen zu einem just entdeckten Erdwerk bei Udersleben und der Bedeutung eines Hohlwegs beim Kosackenberg nahe Bad Frankenhausen bildeten den Abschluss, aber sicher nicht den letzten Besuch Dr. Küßners. Der Beifall war ihm gewiss für den umfangreichen Einblick und den gekonnten Vortrag. Viele Fragen des interessierten Publikums folgten.

Delia Ehrenheim-Schmidt