Vortrag: „In Leibeskrankheiten behülflich“ zu sein

Axel Wellner. Foto: Ehrenheim-Schmidt

Mit Medizingeschichte befasst sich seit 40 Jahren Axel Wellner aus Ebergötzen.  Da er aus dem Harz stammt, forschte er zunächst zu den Bergmedici, dann zu Stadtärzten aus niedersächsischen, thüringischen und sächsischen Städten. Zahlreiche Artikel hierzu veröffentlichte Wellner. Inzwischen hat er Material zu 10.000 bis 15.000 Namen. Auch beruflich ging sein Weg in diese Richtung: Seinem Medizinstudium folgte Jahrzehnte hindurch Arbeit als Leitender Krankenpfleger in Herzberg.

Im Einbecker Geschichtsverein eröffnete er jetzt die Vortragssaison mit dem Thema »Die Einbecker Stadtärzte (Stadtphysici) vom Ausgang des 16. bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts«. Nur wenig studierte Ärzte soll es gegeben haben, las er oft. Die Menschen wurden durch Barbiere und Bader – Handwerker – behandelt. Aber, es gab viele Medizinstudenten. Alle konnten nicht Leibarzt werden. Wo blieben diese?

Er fragte an bei Archiven – seit 1983 mehrfach vergeblich im Einbecker Stadtarchiv – suchte in Kirchenbüchern, in anderen Quellen wie etwa medizinischen Werken, Stammbüchern, Leichenpredigten, Briefen, Geschichtsbüchern, Kopfsteuerbeschreibungen sowie auch Quittungen. Zu Einbeck stellte er zwölf studierte Ärzte vor, von 1580 bis 1763. Trotz der schwierigen Quellenlage war es erstaunlich, welch umfangreiches Datenmaterial er vorweisen konnte.

Johannes Crato arbeitete in Einbeck von 1580 bis mindestens 1601. Zuvor, ab 1572 schloss er mit dem Herzog von Braunschweig-Lüneburg in Gandersheim einen Apotheken-Pachtvertrag und war ab 1574 auch Leibarzt der Äbtissin. Dann folgt Zellerfeldt. Dort hat er nicht nur den Fürsten, sondern auch die Bürgerschaft in den Bergstädten zu versorgen und »mit notdürftigen arzneyen zu versehen und zu curiren.« 1582 bezeichnet ihn der Gandersheimer Rat in einem Brief als Einbecker Bürger. Auch Nicht-Medizinisches ist überliefert, so aus dem Jahr 1601 eine Auseinandersetzung mit den Kapitularen des Alexandri-Stifts wegen eines Kirchenstuhls.

1611 bis 1613 ist als bestallter Physicus Balthasar Raid nachgewiesen, dessen Herkunft  entweder Hersfeld oder Hünfeld ist. Wellner nennt ausführlich hier, wie auch bei anderen die Studienorte, die Themen der Dissertation und Bildungsreisen. 1613 wird Raid Professor in Bremen. 1613 bis 1615 folgt hier der Alfelder Johann Crauel, geboren 1581. Seine Schul- und Studienjahre führen von Braunschweig, Hameln, Kassel über Helmstedt nach Rostock. Als niedergelassener Arzt in Osterode studiert er weiter in Helmstedt und schreibt seine Abschlussarbeit. 1615 wird er Physicus ordinarius in Einbeck. Die Anstellung umfasst drei Jahre, berichtet der Referent, ein oft übliches Verfahren. 1618 kehrt er samt Ehefrau zurück nach Osterode. Von den neun Kindern wird ein Sohn Kanonikus des Stifts Beatae Mariae Virginis und ein Sohn Bürgermeister. Crauel Senior wird Kämmerer und Bürgermeister von Osterode. Als Arzt ist sein Können gefragt bis nach Göttingen. Seine prominentesten Patienten sind jedoch Herzog Georg und dessen Frau. Zu seinen Pflichten gehören auch Seuchenprävention, 1625 eine Pestordnung. Hier schob Wellner ein, dass die Pest damals Ausdruck war für jede Infektionskrankheit.

Ein Gedicht zu seiner Hochzeit aus dem Hannoverschen Staatsarchiv ist der einzige Beleg für Ludolph Neumanns Arbeit in Einbeck, Er lebte von 1591 bis 1669. Bestallter Stadtarzt hier wurde dann von 1625 bis 1635 Heinrich Corvinus. Bei dessen lateinischen Nachnamen machte Wellner auf die Übersetzung Rabe(n), niederdeutsch Rave(n) oder Raue(n) aufmerksam. Nach mehreren wissenschaftlichen Arbeiten erwirbt er mit einer medizinischen Disputation 1634 in Helmstedt den Grad eines Lizentiaten der Medizin. Das Titelblatt bezeichnet ihn als »Einbeccensis Patriae Physicus«.

Der Enkel eines Hamburger Stadtphysicus sowie des Leibarztes des Braunschweiger Herzogs Erich II. wird von etwa 1639 bis 1642 hier Arzt: Franz Burchard von Mithoff und im Zeitraum 1642 bis 1644 konnte Wellner Justus Schneidewindt recherchieren, einen Westfalen. Auch gelang es dem Referenten sehr häufig die Themen der wissenschaftlichen Arbeiten zu ermitteln. So schrieb Schneidewindt »Über die Knochen des menschlichen Körpers«, das »Bluthusten« ebenso wie »Über die Zustände der Kehle, des Magens und der Leber«. Gebürtiger Einbecker war Cyriakus Meyenberg, Stadtphysicus von 1644 bis 1659. Die Mutter hieß Catharina Puggen (Poggen). Den Eltern war die Bildung des Sohnes wichtig: Der Ratsschule folgten Gymnasien in Hildesheim und Hannover, Studium in Wittenberg und Helmstedt, dann Holland, Frankreich, Italien, die Doktorarbeit in Basel und die Arzttätigkeit in Einbeck, die Aufnahme in den Rat und das Amt des Kämmerers. Ein Sohn und ein Enkel wurden nacheinander ebenfalls Stadtärzte. Auch Johann Wilhelm Berckelmann, hier von 1661 bis 1679, gelangte in den Rat, wurde Kämmerer und Bürgermeister. Ebenso hatte er die Pflicht »in vorfallenden Leibeskrankheiten beyräthig, aufwärtig und behülflich« zu sein. Vieles war festgelegt, so das Nichtverlassen der Stadt bei ansteckenden Krankheiten, das Einholen von Genehmigungen zum Besuch auswärtiger Patienten und die kostenlose Behandlung armer Patienten. Zwischen Berckelmann und dem Sohn Meyenberg konnte noch der Hildesheimer Jobst Dietrich Schorkopf ermittelt werden – dieser heiratet in Osterode in die Crauel-Familie. So schloss sich der Kreis.

Der gut besuchte Saal in der Teichenwegschule hörte einen faktenreichen Vortrag, für den die Vorsitzende des Geschichtsvereins, Dr. Elke Heege, dankte.

Delia Ehrenheim-Schmidt