Vortrag von Dr. Henning Jürgens: Friedenspredigten der frühen Neuzeit

Dr. Elke Heege mit Dr. Henning Jürgens, der nach 2017 bereits ein zweites Mal zum Vortrag kam. Foto: Ehrenheim-Schmidt

Weihnachten 1647, als sich das Ende des Dreißigjährigen Krieges abzeichnete, predigte Superintendent Wernick in Ronneburg bei Gera bereits von Friedenssehnsucht, wahrer Buße, christlicher Liebe, Einträchtigkeit und Amnestie, damals noch im lateinischen Sinne für Vergessen. Das Vergessen bedeutete eine wichtige Voraussetzung für einen Friedensschluss, erklärte Dr. Henning Jürgens vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) in Mainz jetzt bei seinem Vortrag im Einbecker Geschichtsverein. Der Historiker hat mehrere Jahre »Friedenspredigten der frühen Neuzeit« erforscht. Dieser Teilbereich gehörte zu einem mehrjährigen Verbundprojekt, angedockt an das Mainzer Institut. Theologen, Literaturwissenschaftler, Musik- und Kunsthistoriker aus Deutschland, Italien und Polen untersuchten die Darstellung, die Repräsentation der Friedenskultur, so etwa in Theaterstücken, auf Gedenkmedaillen, in der Musik und eben in Friedenspredigten.

Dr. Jürgens, der Geschichte und Kirchengeschichte studierte, widmete sich gedruckten Exemplaren in Hoch- und Niederdeutsch, sowie aus Holland, England, Frankreich und Polen. Die Zuhörer in der Teichenwegschule erhielten Einblicke in eine Zeit, die von Kriegen geprägt war und in der ein anderes Denken herrschte: Kriege und Frieden wurden als Strafe und Geschenk Gottes betrachtet. Sprach man damals von Amnestie, Vergessen, so heiße es heute: »Das Geheimnis der Vergebung ist Erinnerung«, erläuterte Jürgens. Amnestieformeln gehörten stets zu Friedensverträgen dazu.

In einer zweiten Friedenspredigt im November 1648 stellte der Ronneburger fest, dass kein Kind aus dem Jahrgang 1633 das Kriegsende erlebt habe – Friedenspredigten auch als wichtige Chronik-Quelle der Geschehnisse vor Ort. In Delitzsch hieß es, dass fast alle seit ihrer Jugend nichts anderes kennengelernt haben als Krieg. Doch wurde dort auch der Feinde gedacht, dass Gott sie »gnädiglich beschützet«. Der Ort blieb immer verschont, wurde niemals geplündert, ein Grund für den Prediger, den Gläubigen die Leiden der Bevölkerung auszumalen und auch von den »Klagen der Äcker« zu sprechen. In Lamstedt, heute im Landkreis Cuxhaven, wählte der Pastor einen Vergleich aus der Natur, vom Meer, bei dem sich die Wellen nach einer Sturmflut auch erst wieder beruhigen müssen, um die »Contributiones und Auflagen« zu erklären – nach dem Motto: es geht vorbei.

Bei den meisten Friedenspredigten handelt es sich um   evangelische. Im evangelischen Gottesdienst spielt/e die Predigt eine zentrale Rolle, in der katholischen Messe eher eine untergeordnete. Deshalb gibt es mehr evangelische. Auch wurde das Ende des Dreißigjährigen Krieges bei den Katholiken weniger gefeiert.

Friedenspredigten ordnete die Obrigkeit an. Auch die Struktur war vorgeschrieben samt der Texte, Gesänge und Liturgie. Nach endgültigen Einigungen zur Umsetzung der Friedensbeschlüsse im Juli 1650 in Nürnberg fand am 22. Juli 1650 in vielen Regionen ein großer Festtag statt. Ein Beispiel ist die Anordnung von Johann Georg Herzog zu Sachsen »Nach welcher in Unserm Churfürstenthumb und incorporirten Landen das verordnete Lob und Danck-Fest Auff dem Tag Marien Magdalenen wird seyn der 22. Julii, soll hochfeyerlich begangen werden.« Kneipen, Handwerk und Geschäfte sollten geschlossen bleiben und der Tag am Abend zuvor eingeläutet werden. In Augsburg feiert man seit dem 8. Augsut 1650 jährlich das »Hohe Friedensfest« und auch hier der Gedanke des Gottesgeschenks »Herzliche Danksagung zu dem Allerhöchsten Für die hocherfrewliche Vollziehung deß lieben Friedensschlusses in Augspurg«. Je nach Blickwinkel konnten die Texte auch ganz anders ausfallen: 1679, nach dem Frieden von Nijmegen, musste ein Prediger in einem abgelegenen Zipfel Sachsens den Kirchgängern erst einmal erklären, dass es Krieg gegeben hatte. Auch aus nordamerikanischen Kolonien und Jamaika entdeckte Jürgens Texte, zum Beispiel zum Ende des Siebenjährigens Krieges 1763. Unzufriedenheit in Hamburg: Hier musste der Pastor überzeugen, dass der Friede zu begrüßen sei. Denn die Stadt hatte vom Krieg profitiert.

Jüdische Friedenspredigten fand der Referent bei David Hirschel Fränkel, die dieser in hebräisch gehalten hatte. Übersetzt wurde der Text vermutlich von Moses Mendelssohn und erschien auch in London. Nach dem Sieg bei Leuthen, 5. Dezember 1757, hielt Fränkel eine patriotische Dankespredigt. Aber auch die toten Feinde wurden beklagt.

Dem interessanten Vortrag folgten 30 Minuten Fragen und Diskussion. Ja, eine Kollegin habe diesen Bereich für den Ersten und Zweiten Weltkrieg untersucht: Deutsch-nationale Strömungen, die den Krieg guthießen, gab es bei den evangelischen Pfarrern. Weihnachten 1945 seien die Kirchen so voll gewesen wie seit Jahren nicht mehr. Auch damals gab es »nach großem Leid ein existentielles Bedürfnis nach Predigt«.

Ganz zum Schluss verriet Jürgens dann noch, dass Dank- und Siegespredigten nach der Schlacht bei Minden 1759 – während des Siebenjährigen Krieges – existieren, die hier in der Münsterkirche und in Hullersen gehalten und in Göttingen gedruckt wurden.

Für die spannenden Informationen aus diesen historischen Quellen, besonders zum Weltbild und Denken damals, dankte Dr. Elke Heege, Vorsitzende des Einbecker Geschichtsvereins.

Delia Ehrenheim-Schmidt