Zeitreise mit Jubiläumsband des Geschichtsvereins

„Wir hoffen, das Buch findet geneigte Leser“: Susanne Gerdes und Willi Hoppe freuen sich, das fertige Werk »125 Einbecker Jahre, Geschichte(n) von 1895 bis 2020« zum Jubiläum zu präsentieren. Foto: Ehrenheim-Schmidt

Das Aulafenster der Goetheschule stammt von Franz Lauterbach und seiner Kunstglas-Werkstätte aus Hannover und das Geld dafür wurde bei einstigen Schülern gesammelt – Ach ja! Am Bürgermeisterwall existiert in einer Außengartenmauer ein in Stein gehauenes Beil – Weshalb? Das Kreishaus hatte einen dreistöckigen Vorgängerbau, der einer Familie Düsenberg gehörte – Ach wirklich? 1954 zählte Einbeck 18 Schuhmacher und drei Schuhfabriken und auch eine Schokoladenfabrik, die den Tell-Apfel produzierte – Wer hätte das gewusst?

Fünf von rund 130 spannenden Themen, die jetzt nachzulesen sind in dem Buch »125 Einbecker Jahre, Geschichte(n) von 1895 bis 2020«, das anlässlich des 125-jährigen Jubiläums des Einbecker Geschichtsvereins erscheint (Isensee Verlag, ISBN 9-783-7308168-13, 214 Seiten) – zu erhalten im StadtMuseum, dem Ladengeschäft der Einbecker Morgenpost, bei Nina Glatz, Lange Brücke, bei Almstadt, der Tourist-Info sowie bei Heinrich Sprink in Dassel. Willi Hoppe, zweiter Vorsitzender des Vereins und Vorstandsmitglied Susanne Gerdes haben es in knapp zwei Jahren erarbeitet. Zu jedem Jahr, von 1895 bis zur Corona-Krise, wird eine besondere Persönlichkeit, ein Ereignis oder ein Verein vorgestellt: 1920 ist es Friedrich Boden, der in dem Jahr stirbt, seine Brauerei mit Domeier, das Pasteurisierungs-Patent und sein Bürgervorsteher-Amt. 1982 geht es um die »erfolgreichste Bettlerin Deutschlands«, Johanne Büchting, und 25 Jahre Friedlandhilfe.

Archiv-Recherchen

Ziel von Gerdes und Hoppe war es, möglichst unbekannte Bilder und neue Informationen in neuen Zusammenhängen darzustellen, in der Tradition der Bildbände, die der Geschichtsverein vor vielen Jahren herausgeben hat. Das ist wirklich gelungen! Akribisch wurde im wohlgeordneten Stadtarchiv samt der umfangreichen Fotosammlung recherchiert. Was sich dort Interessantes entdecken lässt, zeigt das Beispiel der fehlenden Leichenhalle, so dass nicht mehr im Hinterzimmer des Armenhauses obduziert werden musste – eine Geschichte, die von 1884 bis 1911 dauert.

Gesprächs-Recherchen

Privatpersonen und Vereine zeigten sich gesprächsbereit und öffneten ihre Archive, zum Beispiel Johanna und Emil Hennecke zur »Talk op-Platt«-Sendung, die sie 1985 hierherholten – mit 150 Gästen vor Wasser in Biergläsern und 40 Scheinwerfern. Bei den Einbecker Schützen ließ sich die Einweihung der sichersten und modernsten Schießsportanlage 1966 im Raum Südhannover recherchieren: »Es wurde für uns in Schubladen. Listen und Kartons nach Fotografien gesucht, wir haben offizielle Stellen ‘genervt‘ und wochenlang Zeitungen und Akten studiert«, berichten die Zwei zu ihrer Arbeit. Schwierig wurde es, das Wesentliche der Materialfülle in einem kurzen Text darzustellen, denn für die 626 Abbildungen – digitalisiert komplett von Hoppe – musste ja auch noch Platz bleiben. Auch der Zufall half, wie jene Nachfahrin von Georg Berkenbusch, die selbst nach Material suchte und dann Näheres zur Lebensgeschichte des Mexiko-Rückkehrers und Stifters beitrug. So entstand kein Jubelbuch, sondern ein Lesebuch, hervorragend recherchiert, präzise, aber auch unterhaltend formuliert, das ob dieser beeindruckenden Fülle von Themen und Fakten aus 125 Jahren staunen lässt. Auch Naturschutzgedanken von 1972 zum Altendorfer Berg werden erläutert – und dabei auch – kurios – die seltene Zwergheidenschnecke.

Darstellung des Kriegsalltags daheim

Die Grundsteinlegung zur Vogelbecker Kirche 1912, das Eisenbahnunglück in Kreiensen 1923 mit mehr als 50 Toten und der dort durchfahrende Schienenzeppelin sowie der Bau der Kreisstraße nach Andershausen 1935 sind Beispielthemen aus den Einbecker Dörfern. Aus Dassel und den Ortschaften wird ebenfalls berichtet. Wie sich das Weltgeschehen der beiden Weltkriege daheim auswirkte, wird collagenartig mit Zeitungsartikeln von Kino und Aufrufen (»Wer Getreide liefert, hilft uns siegen!«) veranschaulicht: Fotopostkarten von Kindern, die das Marschieren spielen, machen heute betroffen. Damals wurden sie fürs DRK verkauft. Ab 1944 wird aus Brunsen von einer Flugwachstation berichtet, die den Himmel zu beobachten hatte. Am 1. November 1949, »nach sechseinhalb Jahren Pause tritt die Einbecker Morgenpost unter Leitung ihres alten Verlegers wieder an die Öffentlichkeit« – da erst machte dies die Pressefreiheit möglich.

Notkapelle am Krähengraben

Beim Text zum Jugendfreizeitheim Silberborn 1950 blieb eine Viertelseite leer – ob der Drucktechniker da, ohne es zu ahnen, Platz ließ für eine Fortsetzung? Erinnert wird auch an die »Notkapelle«, das Ausweichquartier der Neustädter Kirche, eine Kantinenbaracke der Brauerei, die an den Krähengraben geschafft wurde und heute den Sonnenblick-Gärtnern als Vereinsheim dient. 1971 wurde die Mittelschule abgerissen, 1979 der Rabbethgehof – aus diesem Jahr stammt das Niedersächsische Denkmalschutzgesetz und so begann dann beim Woolworthbau 1980 die regelmäßige Archäologie-Arbeit vor Ort.

Zulieferer-Texte gibt es auch, von B wie Hein-Peter Balshüsemann bis W wie Elke Wille. Dr. Elke Heege, Vereins-Vorsitzende und Museumsleiterin, schreibt über »ihr Haus«, das sie 1992 übernahm und das seit 1970 Auf dem Steinwege ist.

Vereins-Geschichte

Natürlich wird auch die wechselvolle Historie des Geschichtsvereins beleuchtet: 1894 wurde ein »Alterthums-Museum« gegründet (Ausstellungsraum in der Spiritus-Kapelle). Der Fokus lag bereits damals auf den Vorträgen und kulturhistorischen Ausflügen. Am 27. April 1895 folgte die Gründung des »Vereins für Geschichte und Alterthümer der Stadt Einbeck und Umgegend«. Hellmut Hainski, selbst lange Jahre Vorsitzender, widmet sich seinen Vorgängern Professor Wilhelm Feise, Otto Fahlbusch und Georg Ernst und in diesem Zusammenhang auch der Vereinsarbeit. Die mündlichen und schriftlichen Quellen aller Beiträge und Abbildungen, nach Jahren geordnet, sind ebenfalls nachzulesen.

Finanzielle Zuwendung kam von der Kultur- und Denkmalstiftung des Landkreises Northeim, der Calenberg-Grubenhagenschen Landschaft sowie dem Geschichtsverein. »Wir hoffen, das Buch findet geneigte Leser«, erklären Susanne Gerdes und Willi Hoppe. Dem ist nichts hinzuzufügen. Diese (Zeit)Reise – ob mit oder ohne Corona – sollte sich niemand entgehen lassen!

Delia Ehrenheim-Schmidt