Neustädter Kirchplatz: Frank Wedekind und Sarah Nöcker berichten zu Bauhistorie und Bestattungen

Der Vortrag »Archäologische Untersuchungen  am Neustädter Kirchplatz«  war kurzfristig vom Einbecker Geschichtsverein angekündigt worden. Doch das Thema interessierte, und so war die Halle des Alten Rathauses, bestuhlt mit 96 Plätzen, sehr gut besucht. Frank Wedekind von der Göttinger Grabungsfirma Streichardt & Wedekind Archäologie (SWA) sowie Sarah Nöcker, Anthropolgin und Archäologin in der Firma – die am folgenden Tag ihre Masterarbeit abgeben musste – referierten. 

Fotos: Ehrenheim-Schmidt
Frank Wedekind und Sarah Nöcker berichteten über ihre Arbeit auf dem Neustädter Kirchplatz. Fotos: Ehrenheim-Schmidt

Wedekind erläuterte zunächst Stadtgeschichtliches wie Stift und Marktsiedlung. Gegen Mitte des 13. Jahrhunderts folgte die Erweiterung um die Neustadt mit der Kirche St. Maria, etwa 1230/40. Schriftquellen erwähnen (indirekt) einen Pfarrer erst 1264. Die Kirche selbst wird 1316 erstmalig erwähnt. SWA entdeckte 2022 Reste der ersten Kirche. Man habe 1240 »sehr versierte Handwerker geholt, die da ein topmodernes Gebäude hingestellt haben.« Man hatte Geld, stellte er fest. Und im Vergleich zu den beiden nachfolgenden Bauten sei die erste Kirche »aufs Sorgsamste« gebaut worden. Entdeckt wurden sorgfältig behauene Sandsteinwände und ein Turm. »Wir konnten einen Brand im Turm nachweisen, weil wir dort aufgehendes Mauerwerk hatten, das obertägig sichtbar war. Hier sind die glatten Oberflächen der Sandsteine durch das Feuer abgeplatzt. Der Turm war durch ein Doppelportal mit Spitzbögen vom Kirchenschiff abgegrenzt. Das wissen wir durch ein Säulenfundament in der Mittelachse des Turms. Diese erste Kirche bestand bis zur MItte des 15. Jahrhunderts (1240 bis ca. 1440/50), also mit etwa 200 Jahren länger als die Dritte.«

Parallel zum Abriss entstand ein Nachfolgerbau, die zweite Kirche. Um zu gewährleisten, dass Gottesdienste gehalten werden konnten, wurden alte Teile sukzessive abgerissen und an diesem Platz neu gebaut. War dieser Abschnitt fertig, konnte man mit dem nächsten weitermachen. 

Dazu entdeckten die Archäologen Fundamente von 4,20 x 4,40 Meter Stärke des Turms, der 1444 erwähnt wurde. Vergleiche mit dieser Fundament-Stärke, so Wedekind, lassen Rückschlüsse auf eine Höhe von 70 Metern zu. Bei einer Grabung von Dr. Andreas Heege im Jahr 2000 (Kanalarbeiten) war bereits ein Turmausschnitt der zweiten Kirche entdeckt worden. Man sah auf dem Foto einen bearbeiteten Stein, der vom Abbruch der ersten Kirche stammte und für die zweite genutzt wurde. Das habe man bei der aktuellen Grabung auch wiedergefunden. Mit einem Plan erläuterte Wedekind ebenso die entdeckten Außenwände der zweiten und dritten Kirche

Beim großen Brand von 1540 wurde der Turm, nicht aber die Kirche zerstört. Man nutzte sie fortan ohne Turm, wie auch Bildquellen aus dem späten 16. Jahrhundert zeigen, erläuterte der Mittelalter-Archäologe. Statt des Turms gab es einen kleinen Dachreiter, einen »Miniturm auf dem Dach über dem Kirchenschiff«. Wedekind erläuterte das alles mit Fotos und Messzeichnungen. Diese zweite Kirche bestand bis 1826. Dann baute man im neugotischen Stil auf den alten Fundamenten mit etlichen Konstruktionsmängeln: Die Statik des Daches habe die Mauer nach außen gedrückt. Die Dachlast ruhte fast komplett auf den Außenwänden. Außerdem habe man fast gänzlich auf eine Innenaufteilung verzichtet. 

Teile der Nordwand der zweiten Kirche entdeckte die Firma 2019 sowie auf der Innenseite eine weitere Wand, die zum ersten Bau gehörte. 

Auf Nachfrage zu einem eventuell Brand im Dreißigjährigen Krieg stellte er fest: »Wir haben von der zweiten Kirche nur Fundamente, die keine Brandschäden aufweisen, weil sie unter der Erde lagen. Wenn die Kirche in diesem Krieg gebrannt hat, hätte sie im obertägigen Mauerwerk Schäden entwickelt, die das Gebäude instabil gemacht hätten. Daher glaube ich, dass die Brandschäden von 1826 gravierender waren, denn die haben schließlich für den Abriss der zweiten und 1840 für den Neubau der dritten Kirche gesorgt.« 

Mehr als 350 bestattete Individuen

»Friedhofsgrabung – aber wie?« hatte Sarah Nöcker ihren Vortragsteil benannt. Sie berichtete, wie man bereits ganz dicht unter der Oberfläche die ersten Gräber entdeckt habe und dann acht Lagen von Skeletten freilegte, dokumentierte, fotografierte, beschrieb und vermaß. Die jüngsten seien aus der Barockzeit, der Friedhof wurde 1787 stillgelegt. Für weitere Begräbnisse wurden oft vorhandene Gräber gestört und Gebeine beiseite geräumt. »Nach 1826, aber vor 1840  hat man das Fundament der Nordwand der zweiten Kirche freigelegt, um zu prüfen, ob man die dritte Kirche auf diesem errichten kann. Dabei wurden direkt vor der Wand Bestattungen ausgehoben und in Knochenlagern, genannt Ossuarien, wiederbestattet.« 

Die Bestattungen der Individuen aus dem Mittelalter seien fast vollständig erhalten. Man begrub im Leichentuch, ohne Sarg. Auch eine Schwangere, bei der man kleine Knochen im Beckenbereich sehen konnte, wurde entdeckt, ebenso Totenkronen bei ledigen jungen Frauen, zur »Heirat im Himmelreich«. Dort, wo in Särgen beerdigt wurde, stieß man auf korrodierte Sarggriffe – sechs waren es an einem Sarg, und Sargnägel, zum Beispiel mehr als 50 an einem Exemplar. »Einbecker Typus« nannten die Archäologen die Art und Weise zur besseren Stabilität, Knochen unter den Sarg zu legen. Teilweise hielten die Bestatteten Münzen in den Händen oder hatten diese im Sarg: »Geld für den Fährmann«. Für die Armhaltung gab es zumeist zwei Varianten: »Am häufigsten liegen die Hände übereinander im Schoß, bei der  zweiten Variante liegen sie gefaltet oder übereinandergelegt auf der Brust.«

Waschen, Trocknen, Auslegen, Fotos machen, Messen und den Skelettbogen ausfüllen – Nöcker stellte auch einiges aus der zugehörigen umfangreichen Arbeit vor. Über 350 Individuen seien es. »Und immer noch nicht fertig« hieß es dann auch auf einem Foto. Auf Nachfrage wurde dann noch einmal erläutert, dass das Erdreich um die Kirche, also dort, wo begraben wurde, mit den Jahrhunderten höher wurde. Eine Publikation mit dem Stadtarchäologen Markus Wehmer sei geplant, erklärte Frank Wedekind.  Die Referenten erhielten viel Beifall vom aufmerksamen Publikum.

Vorstandsmitglied Alexander Kloss hatte in seiner Begrüßung ganz kurz die »Diskussionen und Emotionen« um diesen Platz angerissen, vom Abriss 1963 über das Gemeindehaus in der Nachnutzung der Sparkasse bis zu den Maßnahmen der Neugestaltung. Kloss dankte den Referenten mit zwei Jahrbüchern des Geschichtsvereins. Die Vorsitzende Dr. Elke Heege war verhindert. Ihr Stellvertreter Marc Hainski verfolgte den Vortrag mit großem Interesse.

Delia Ehrenheim-Schmidt